Melanie Breuer im wohnbuchbüro-Interview

Melanie Breuers Porträt fotografierte Manfred Baumann

1) Was ist für Sie das Spannende an Landhäusern, die zeitgemäß um- oder neu gebaut und doch nach alter Tradition umgesetzt werden?

Melanie Breuer: »Zunächst haben mich die vielen spannenden Geschichten, die sich hinter so
einem alten Gemäuer verstecken, fasziniert. Durch sie erfährt man viel über die
Lebensweisen von früher, die meist eng an die jeweilige Bauweise gekoppelt sind.
Beispielsweise bei historischen Wohnstallhäusern, die Wohnen und Stallungen miteinander
verbinden. Der Gedanke dahinter war ziemlich simpel: Neben der Sicherheit, das Vieh unter
Dach und Fach zu wissen, stellten die Tiere allen Gerüchen zum Trotz und besonders an
kalten Wintertagen eine zusätzliche Wärmequelle dar – quasi eine erste, sehr
naturverträgliche Art des Heizens.
Das führte mich zum zweiten, für mich interessanten Fakt: das Thema Nachhaltigkeit. Jeder spricht heute davon, und wir alle wissen, dass diese meist schon in den kleinen Dingen zu suchen ist. So muss man ein in die Jahre gekommenes Landhaus nicht zwingend abreißen, sondern kann es Stück für Stück wieder aufbauen und dabei auch viele Besonderheiten bewahren. Dass sich dies aber nicht altmodisch, sondern durchaus zeitgemäß gestaltet lässt, zeigen die renovierten Objekte im ersten Teil des Buchs, die vom Architekturfotografen Bodo Mertoglu äußerst sensibel portraitiert werden.
‚Tradition modern erleben‘, so lautet das Motto dieser tollen Bauernhäuser, Mühlen oder Scheunen. Bei den Neubauten im zweiten Abschnitt habe ich mich vor allem auf Häuser konzentriert, die einen möglichst naturnahen Standort haben und bei denen verschiedene ökologische Baustoffe und Denkweisen zum Einsatz gekommen sind. Auch hier lassen sich wieder Hinweise auf traditionelle Materialen finden, die bis heute eine wichtige Rolle im Bauwesen spielen, Beständigkeit ausstrahlen und somit auch für nachfolgende Generationen von großem Wert sind.«

2) Zu Hause auf dem Land – Was teilen alle Landhausbesitzer miteinander?

Melanie Breuer: »Die Sehnsucht nach einem ruhigen und gesunden Leben auf dem Land war
noch nie so deutlich zu spüren wie heute. Vor allem in den großen Metropolen ist der Wohnraum knapp und teuer geworden. Da zieht es immer mehr Großstädter hinaus in die
Provinz. Vielleicht ist es auch eine Suche nach dem Echten und Ursprünglichen, dem man in
diesen Gegenden noch begegnen kann, vor allem in einem alten Bauernhaus.«

3) Nachhaltigkeit, Bodenständigkeit und Landlust … woher stammt die Liebe der Städter zum Leben im Grünen?

Melanie Breuer: »Eigentlich haben viele Menschen seit ihrer Kindheit einen Bezug zur Natur. Entweder sind sie auf dem Land groß geworden, oder die Eltern besaßen einen Garten oder Schrebergarten. Es trennt sie der jeweilige Schwerpunkt, der ausschlaggebend für einen Garten ist: Für die einen dient ihre Scholle in erster Linie der Selbstversorgung, die anderen züchten mit Hingabe Rosen oder Gräser, Die nächsten nutzen den Garten als Erholungsort und wieder andere suchen sich ein Stück Erde, um ihren Kindern trotz Stadtlebens ein Stück Natur nahe zu bringen. Alle wurzeln in der Überzeugung, dass das Ursprüngliche der Natur auch das Wichtige im eigenen Leben ist.«

4) Modernes und Altes – Warum ist die Kombination so hilfreich beim Wohnen und Einrichten in historischen wie in neuen Bauten?

Melanie Breuer: »Niemand möchte heute mehr wie vor 200 Jahren leben – ohne Strom, ohne fließendes Wasser und mit Plumpsklo draußen im Hof! Wir alle lieben modernen
Wohnkomfort, da ist es doch nur natürlich, dass sich dieser auch in unserem heutigen
Lebensraum wiederfindet. Allerdings sollte man bei der Sanierung von Altbauten darauf
achten, dass historische Merkmale wie intakte Holzbalken, Fassaden usw. nicht zerstört
werden und so unwiederbringlich verloren gehen. Wer sich für ein altes Haus entscheidet,
der strebt am besten einen Mittelweg aus Altem und Neuem an. Die Belohnung dafür: ein individuelles Flair mit viel Charme und Gemütlichkeit. Diese kann man auch mit historischen Baustoffen oder Antiquitäten ins neu gebaute Landhaus holen, sofern es stimmig bleibt. Zu viele dieser Elemente können schnell kitschig wirken. Hier kommt es sehr stark auf die richtige Mischung an. Natürlich ist es aber besonders lobenswert, alten Materialien auf diese Weise ein neues Leben zu schenken. Und wieder sind wir bei der Nachhaltigkeit…«

5) Beim Besuch der 18 Landhaus-Projekte, wo lag Ihre größte Freude als erfahrene Wohnredakteurin?

Melanie Breuer: »Bei all diesen Projekten stand ich immer wieder vor der Herausforderung,
die traditionellen Besonderheiten eines Hauses herauszuarbeiten, dabei die modernen
Veränderungen zu erfassen und zugleich deren Schnittmenge zu ermitteln. Das war
aufregend, hin und wieder etwas mühsam, aber die Arbeit hat mir viel Spaß gemacht. Die größte Freude dabei war jedoch die enorme Herzlichkeit der Bewohner, die mich bei diesem Projekt tatkräftig unterstützt und mir ihre ganz persönliche Hausgeschichte erzählt haben.«

6) Und Ihr eigener Landhaustraum…?

Melanie Breuer: »Natürlich gibt es den! Ich lebe zwar schon seit einigen Jahren in München,
als gebürtige Chiemgauerin hege ich aber den Wunsch eines Tages in meine Heimat mit den
geliebten Bergen zurückzukehren. Vielleicht wird’s ja sogar ein altes Bauernhaus – genügend
Inspirationen für den Umbau habe ich im Laufe meiner beruflichen Tätigkeit bereits bekommen.«

7) Ein Leben im Landhaus ist…?

Melanie Breuer: » …eine schöne Herausforderung, die uns der Natur ein gutes Stück näher bringt.«

Weiterlesen in der Rezension von »Landhäuser« von wohnbuchbüro.

Bildnachweis: Melanie Breuer aus »Landhäuser«, © DVA 2017. Fotograf: Manfred Baumann.
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